Wie John Fust die Geister vertrieb

Aus “Der Sonntag”, Nr. 50, 19. Dezember 201, von Othmar von Matt

Der neue Langnau-Trainer brach radikal mit der Vergangenheit – der Erfolg kam sofort.
«No excuses» – keine Entschuldi­gungen: Diesen Satz an seiner Bürotür hat Trainer John Fust zum Motto der SCL Tigers gemacht. Er ist die Antithese seines Vorgängers. Und siehe da: Erstmals spielen die Tigers in den Playoffs.
Den Unterschied macht eine Tür. Jene Tür, die vom Trainerbüro zur Kabine der Mannschaft führt. Ins Nervenzentrum der SCL Tigers. Unter Christian Weber, Trainer bis 2010, war sie immer geöffnet. Weber wollte seine Spieler im Auge und unter Kontrolle haben. Ganz anders John Fust. «Er lässt die Tür geschlossen», sagt Materialwart Alfred Rohrbach. Fust erzieht die Spieler zur Selbstständigkeit. Jeder soll Eigenverantwortung übernehmen. Die geschlossene Tür hat noch einen Nebeneffekt: Die Spieler haben stets das gelbe Schild vor Augen, auf dem in Rot das Motto der SCL Tigers geschrieben steht: «I believe. I can. I will. No excuses.» Als Fust im August zu den Tigers stiess, führte er als Erstes Einzelgespräche mit allen Spielern – «über Gott, die Welt und die Tigers», wie er erzählt. Was er zu hören bekam, frappierte ihn. «Unglaublich», sagt Fust, «die Spieler hatten keine Siegermentalität, kein Selbstvertrauen. Es gab eine negative Spirale.»
13 JAHRE PLAYOUTS HATTEN die Tigers gelähmt. Fust entschied, den Playout-Geist radikal aus der llfis-Halle zu vertreiben. Kein Stein blieb auf dem anderen. Die Trainingszeit verlegte er vom Mittag auf zehn Uhr morgens vor, fürs Training fuhren die Spieler nicht mehr in roten, sondern in schwarzen Trainingsanzügen aufs Eis. «Meine erste Priorität war es, keine Beziehung mit der Vergangenheit mehr aufkommen zu lassem, fasst Fust zusammen. Er demonstrierte am Beispiel der Kabine, was er sich unter der neuen «Winner-Mentalität» (Geschäftsführer Ruedi Zesiger) vorstellt. Als die Spieler sie erstmals betraten, entfuhr ihnen ein «läck» und «wow». Die Kabine war nicht mehr weiss und karg. Sie war zum NHL-Tempel geworden, zum Heiligtum. Alles ist gelb-rot gehalten, den historischen Tigers-Farben. Selbst die Uhr. Deren Zeiger hatte Materialwart Rohrbach eigenhändig rot bemalt. Links vom Trainerbüro hängt eine gelb-rote Tafel mit «Geschichte» und «Erfolgen der Tigers. Über jedem Spielerplatz prangt ein gelb-rotes Namensschild, auf dem Boden liegt eine Tigers-Matte pro Spieler. Und mitten in der Kabine grosse Tiger-Teppiche. Fust gab gleich den Tarif durch: «Wer einen der grossen Tiger-Teppiche betritt, zahlt hundert Franken Busse.» Das Tiger-Logo, zuvor kaum vorhanden, sei jetzt «omnipräsent», sagt Geschäftsführer Zesiger. «Fust arbeitet mit solchen Bildern – wie mit dem Tiger auf der Brust: Der Tiger ist aggressiv.»
WIE AGGRESSIV, hörten Materialwart Rohrbach und Masseurin Verena Eichenberger eines Tages. Während der Teamsitzung drang plötzlich Geschrei aus der Kabine. Fust hatte den Spielern drei Minuten des monumentalen Kriegsfilms «300» gezeigt. Der spartanische König Leonidas zieht darin mit nur 300 Männern gegen die persische Übermacht in den Krieg. Wie der vermeintliche Underdog SCL Tigers in den Kampf um die Playoffs. Er arbeite höchst selten mit Kriegssymbolen, betont Fust. «Ich habe Kollegen aus der Uni-Zeit, die im Irak und in Afghanistan sind», sagt er. Vor dem Krieg habe er Respekt. Fust selbst wäre beinahe in eine Art Krieg gezogen. In den Krieg gegen den Terror. Sechs Monate der fünf Jahre dauernden Ausbildung zum kanadischen Inland-Geheimagent hatte er absolviert, als er einen Anruf aus Visp erhielt. Der EHC wollte ihn, der an der Universität Princeton Geschichte und Politik studiert hatte, als Trainer. Fust nahm das Angebot an.
«MEIN HERZ HATTE gesprochen», sagt er. Es sprach auch, als die Tigers riefen. Fust passt ins Emmental. «Für Emmentaler zählt Leidenschaft, Bescheidenheit, Feuer, Herzblut und Demut», sagt Zesiger. Eigenschaften, die er Fust zuschreibt. Fust habe «etwas Charismatisches», sagt auch Langnaus Gemeindepräsident Bernhard Antener. «Die Mannschaft ist ‹zwäg› – tatsächlich nah und nun in den Playoffs.» Verhaltener Optimismus ist im Emmental eingekehrt. «Gelingt es auch noch, das Stadion zu sanieren», sagt Antener, «dann bekommen wir vielleicht wirklich die Kurve in die Zukunft.» Eineinhalb Jahre nur, nachdem die Tigers faktisch Konkurs waren.

 

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