«Wenn wir die Entspannung vernachlässigen, brennen wir aus»

Sie liest am Morgen keine Mails, nimmt keine Anrufe entgegen und nimmt an keinen Sitzungen teil. Und mitten am Nachmittag gönnt sie sich ein Nickerchen. Die Bestsellerautorin Verena Steiner weiss: Wer Höchstleistungen erbringen will, muss sich konzentrieren und entspannen können. Und tut gut daran, auf seine eigene Energiekurve zu achten.

INTERVIEW: MATHIAS MORGENTHALER

Frau Steiner, Sie lehnten ein Interview um 15.30 Uhr ab mit der Begründung, dann sei es Zeit für Ihren Mittagsschlaf. Sind Sie da immer so konsequent?

VERENA STEINER: Das ist für mich nicht primär eine Frage der Konse­quenz, sondern es ist mir ganz ein­fach ein Bedürfnis. Ich spüre wie die meisten Menschen Mitte Nachmittag ein Tief und leiste mir dann ein Nickerchen mit meiner Swissair-Augenbinde auf dem Bürosofa.

Und wenn Sie ohne Nickerchen durcharbeiten, sind Sie weniger leistungsfähig am Nachmittag?

Eindeutig. Ich habe einmal in meiner Nickerchenzeit Honorar­verhandlungen geführt – das Er­gebnis war ernüchternd, ich war viel zu nachgiebig gewesen. Die meisten Menschen durchlaufen Mitte Nachmittag ein Energietief. Wenn ich Autoverkäuferin wäre, würde ich nachmittags und sams­tags arbeiten; dann haben die Leu­te weniger Energie, und das bedeu­tet auch: Sie sind offener, empfind­samer und zugänglicher, ihr Wille ist schwächer. Wenn ich Seminare durchführe, setze ich auf 15 Uhr eine Pause an, keine Kaffeepause, sondern eine persönliche Rück­zugspause. Man müsste die Teil­nehmer filmen, mit welch glückli­chem Gesicht sie danach zurück­kehren.

Sie haben Naturwissenschaften studiert und waren danach in der Pharmaforschung tätig. Wie wurden Sie zur Expertin für Lern-, Denk- und Arbeits­strategien?

Nach Abschluss meines Erst­studiums in Chemie begann ich zu unterrichten. Da ich eine faule Studentin gewesen war, musste ich mir Woche für Woche den Stoff nachträglich aneignen. So han­gelte ich mich durch die Lektio­nen. Aus Not begann ich mich für die Frage zu interessieren, wie man das Lernen erlernt. Als ich mit 36 Jahren mein Zweitstudium in Biochemie in Angriff nahm, war ich bereits ein Lernprofi. Ich konnte es mir erlauben, systema­tisch Vorlesungen zu schwänzen und neben dem Vollzeitstudium noch 50 Prozent zu arbeiten. Schon damals wusste ich: Irgend­wann schreibe ich einen Bestsel­ler über das Lernen. Als ich 1999 von der ETH Zürich die Möglich­keit zu einem Sabbatical an der Harvard University erhielt, war mir klar, dass der Moment für das Buch «Exploratives Lernen» ge­kommen war. Zehn Tage vor mei­ner Abreise in die USA fragte mich der Pendo-Verlag an, ob ich nicht ein Buch übers Lernen schreiben möchte.

Heute plädieren Sie für einen sinnvollen Umgang mit den eigenen Energien. Warum fühlen sich derart viele Menschen gestresst von ihrer Arbeit?

Das Problem ist weniger, dass die Belastungen hoch sind, son­dern dass wir die Entlastung ver­gessen. Unser Organismus kann unglaublich viel leisten. Wenn wir allerdings die Entspannung ver­nachlässigen, uns keine Pausen gönnen, dann leisten wir immer weniger und brennen aus. Des­halb rede ich lieber von Energie­kompetenz als von Zeitmanage­ment. In der Zeitmanagement­-Literatur wird meist suggeriert, dass jede Stunde gleich viel Wert sei; es bleiben wichtige Erkennt­nisse aus der Chronobiologie und der Hirnforschung unberück­sichtigt. Diese Disziplinen lehren uns, dass unsere individuelle En­ergiekurve im Verlauf eines Tages Hochs und Tiefs durchläuft und dass wir nicht zu jeder Tageszeit jede Aufgabe gleich gut verrich­ten können.

Ein ungeschriebenes Gesetz in der Arbeitswelt besagt aber: Ich muss immer 100 Prozent Leistung bringen.

Ja, das ist einer der Mythen un­serer Leistungsgesellschaft. Kürz­lich fragte mich eine Journalistin, wie ich es bloss schaffe, den ganzen Tag auf Hochtouren zu laufen. Sie wollte mir ein Kompliment ma­chen für meine Produktivität. Ich antwortete ihr: Meine Bücher konnte ich nur schreiben, weil ich eben gerade nicht ständig auf Hochtouren laufe, sondern zwi­schendurch schlafe, pausiere oder trödle. Als ich jung war, arbeitete ich am Wochenende manchmal auf einer Alp. Die Bergbauern ver­richteten enorm harte Arbeit, aber sie waren nie gestresst, und es wäre ihnen nicht in den Sinn gekom­men, sich Ferien zu wünschen. Weshalb? Weil sie nach einem natürlichen, gesunden Rhythmus lebten.

Wir können nicht alle Bergbauern werden. Im Firmenalltag geben andere den Rhythmus vor, wir müssen uns anpassen.

Es stimmt, dass wir abhängig sind von Chefs, Mitarbeitenden und Kunden. Die eigenen Gestal­tungsmöglichkeiten sind aller­dings viel grösser, als wir glauben. Es schreibt uns ja niemand vor, während unserer produktivsten Zeit am Morgen Mails zu beant­worten, Routinesitzungen abzu­halten oder Zeitung zu lesen. Mangels Wissen und Gestal­tungswillen verzetteln viele Men­schen ihre Kräfte. Meist flüchten sie sich in einen unergiebigen Nonstop-Aktivismus. Das gilt auch für jene, die hierarchisch weit oben stehen und also vieles steuern könnten. Eine Studie von Heike Bruch von der Universität St. Gallen zeigt, dass lediglich zehn Prozent der Manager wirk­lich zielgerichtet und effektiv handeln. Die Mehrheit verzettelt sich, weil es ihr an Energie oder an Fokus fehlt.

Was bedeutet es für Sie persönlich, den Tag bewusst zu gestalten?

Zwischen sechs und acht Uhr bin ich in der Alpha-Phase, da ist die rechte Hirnhälfte sehr aktiv. Dies ist die Zeit des geistigen “Run­dum-Blicks”, der später durch das logisch-analytische Denken ab­gelöst wird. Deshalb lege ich die Ar­beit an Entwürfen und Konzepten für Bücher oder Referate auf diese frühen Morgenstunden. Zwischen acht und halb elf Uhr liegt meine Primetime, die Zeit der höchsten Energie. In dieser Phase erledige ich anspruchsvolle Aufgaben wie Schreiben und auch Unangeneh­mes. So weit, so gut. Wenn ich nun aber alle fünf Minuten Mails lesen oder Telefonate empfangen wür­de, wäre meine Konzentration da­hin, dann reagierte ich bloss auf beliebige äussere Reize. Deshalb gibt es bei mir keine Sitzungster­mine vor 11 Uhr und ich bin am Morgen unerreichbar.

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