Wenn Arbeit zur Sucht wird

Arbeitssucht ist eine ernst zu nehmende, aber unterschätzte Erkrankung

Notorische Vielarbeiter geniessen hohes Ansehen und gelten als besonders leis­tungsfähig. Arbeit kann jedoch süchtig machen, mit gravierenden Folgen für die Betroffenen selbst und die Unternehmen.

Vor mehr als 25 Jahren erregte in Japan der Tod eines 29 Jahre alten Familienvaters Aufsehen. Der Mann erlag an seinem Arbeitsplatz einem Schlaganfall. Karoshi – Tod durch Überarbeitung – lautet heute die offizielle Diagnose, wenn Men­schen wegen chronischer Überarbeitung einen Herzinfarkt oder Hirnschlag erleiden und ster­ben. Inzwischen ist Arbeitssucht in Japan eine anerkannte Erkrankung. Mehrere hundert Todes­fälle weisen Nippons Statistiken pro Jahr aus. Die Dunkelziffer liegt nach Meinung von Experten sogar noch deutlich über diesen offiziellen Zah­len. Landesweit gibt es mehr als 350 Zentren, die auf die Behandlung von Arbeitssüchtigen spezia­lisiert sind.

Kopfschmerzen am Sonntag

Anders sieht es in Deutschland aus. Obwohl Fachleute exzessive Vielarbeit seit Ende der sieb­ziger Jahre zu den Suchterkrankungen zählen, fand die Diagnose “Arbeitssucht” bis heute kei­nen offiziellen Eingang in die Krankheitsmanuale der Mediziner, Psychologen oder der Leistungskataloge der Krankenkassen, wie der Manage­mentberater und Arbeitssucht-Experte Stefan Poppelreuter sagt. Dies sei bemerkenswert, weil arbeitssüchtiges Verhalten keineswegs ein Phänomen unserer Zeit sei, erklärt der Bonner Psy­chologe. So berichtete bereits der ungarische Psy­choanalytiker Sandor Ferenczi in einem Aufsatz aus dem Jahre 1919 von Patienten, die sonntags regelmässig unter Beschwerden wie Kopfschmer­zen, Unwohlsein und Erbrechen litten. Ferenczi interpretierte das Auftreten der Beschwerden als Reaktion auf die fehlende Arbeit am Sonntag und bezeichnete das Krankheitsbild als “Sonn­tagsneurose”. Nach seiner Ansicht waren diese Patienten abhängig von der Arbeit wie Morphi­nisten von ihrem gewohnten Gift.

Wie andere Süchte auch führt arbeitssüchtiges Verhalten laut Poppelreuter zu erheblichen körperlichen, seelischen und sozialen Problemen. Das Leben werde ausschliesslich von dem Thema Arbeit bestimmt, am Tag und in der Nacht. Ein Leben ausserhalb der Arbeitswelt gebe es nicht mehr, da die Betroffenen nicht selten bis zu 3000 Stunden im Jahr arbeiteten, oft bis zu 16 Stunden am Tag, an 7 Tagen in der Woche – bis der Körper und Seele schliesslich kapitulierten.

Doch regelmässige Überstunden allein sind noch kein Indiz für eine Arbeitssucht. Entschei­dend sei die fortschreitende und pathologische Fixierung auf das Thema Arbeit, erklärt Holger Heide. Der Leiter des Instituts für sozialökonomische Handlungsforschung der Universität Bre­men gilt als Deutschlands führender Arbeits­sucht-Experte. Die Erkrankten verlieren die Kontrolle über ihr Arbeitspensum, sie erleben Entzugserscheinungen, wenn die “Droge” Arbeit nicht greifbar ist, wie er sagt. Da sie ihre Sucht nicht stoppen können, geraten sie immer tiefer in die Abhängigkeit, oft bis zum Zusammenbruch.

Bis zu diesem Zeitpunkt haben die Betroffe­nen nicht selten viele Jahre mit ihrer Sucht gelebt. Experten gehen davon aus, dass die Erkrankung verschiedene Stadien durchläuft. Anfänglich kreisen die Gedanken der Arbeitssucht-Gefähr­deten immer stärker um das Thema Arbeit. Die Familie und andere soziale Beziehungen werden zunehmend vernachlässigt, erste Schuldgefühle treten auf. Chronisch wird dieser Zustand, wenn nur noch die Arbeit zählt und alles andere zurücktritt. Die Betroffenen ordnen jetzt alle Lebensbereiche ihrer Arbeit unter, die Sucht hat sich manifestiert. Ungeduld und aggressives Ver­halten nehmen deutlich zu. Die Delegation von Aufgaben oder die Bitte um Hilfe gelten als Zei­chen der Schwäche. Nichts ist gut genug. Erste Erschöpfungszustände treten auf. Doch erst in der Endphase der Erkrankung sinkt die Leistungsfähigkeit der Betroffenen drastisch. Gefühle wie Antriebslosigkeit, Leere und “ausgebrannt sein” herrschen jetzt vor. Es kommt zu Black­outs bei der Arbeit oder im Strassenverkehr. Fehlzeiten im Unternehmen steigen drastisch an. Nicht selten stehen schwere körperliche Erkrankungen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall am Ende einer endlosen Reihe langer Arbeitstage.

Auch Nichterwerbstätige sind betroffen

Die Erkrankung trifft alle Berufsgruppen und gilt daher längst nicht mehr als typische Managerkrankheit. Arbeitssucht tritt – und das ist bemer­kenswert – nicht nur bei Erwerbstätigen auf. Auch Nichterwerbstätige können unter Arbeits­sucht leiden, wie der Arbeitssucht-Experte Heide betont. Empirische Studien belegten ausserderm, dass es den typischen Arbeitssüchtigen nicht gibt. Man müsse vielmehr von unterschiedlichen Suchttypen ausgehen, sagt er. Exzessives Arbei­ten sei nicht einmal ein notwendiges Merkmal der Krankheit. Entscheidend sei die krankhafte Fi­xierung auf Arbeit. Arbeitssüchtig könne des­wegen auch der zwanghafte Arbeitsvermeider sein, sagt Heide.

In jedem Fall benötigten die Betroffenen Hilfe von aussen. Bestehe Einsicht, dass mit dem eige­nen Arbeitsverhalten etwas nicht stimme und man etwas tun müsse, so seien bereits gute Voraussetzungen für eine erfolgreiche Therapie ge­geben, findet Poppelreuter. Bemerkenswert sei in diesem Zusammenhang die zunehmende Zahl von Selbsthilfegruppen für Menschen mit Arbeitsstörungen bzw. Arbeitssucht. Ausserdem spezialisierten sich in Deutschland immer mehr psychosomatisch orientierte Kliniken auf die Behandlung von nicht-stofflichen Süchten – und dazu zählt die Arbeitssucht. Die Therapien basie­ren auf der Annahme, dass die Ursachen der Arbeitssucht im frühkindlichen Alter liegen. “Be­troffene Erwachsene erlernen bereits als Kinder ein bestimmtes Rollenverhalten. Sie verinner­lichen eine permanente Leistungsorientierung als Überlebensstrategie, ebenso wie die konsequente Missachtung der eigenen Bedürfnisse”, skizziert Heide die Ausgangsbasis der Therapien. Doch erst ein konkreter Auslöser führe in späteren Jah­ren zum Ausbruch der Krankheit. Das könne das gesellschaftliche Umfeld sein, das mit dem Bild des erfolgreichen Workaholic einen bestimmten Arbeitsethos propagiere.

Betriebliches Umfeld als Auslöser

Aber auch das betriebliche Umfeld komme als Auslöser in Frage, sagt Ulrike Meissner von der Universität Bremen. Denn aus betrieblicher Sicht sind Workaholics bis zu einem gewissen Grad von Nutzen für Unternehmen, fand die Ökonomin während eines kürzlich beendeten Forschungsprojektes heraus. Immer mehr Unternehmen for­derten regelmässige Überstunden und ein hohes Mass an Flexibilität und Einsatzbereitschaft von ihren Angestellten, sagt Meissner. Wer nicht mehr mithalten könne, müsse gehen. Aber spä­testens dann, wenn sich exzessives Arbeitsverhal­ten verselbständige, könne Arbeitssucht zum existenzgefährdendes Risiko für das Unterneh­men werden. Das gelte im Besonderen für klei­nere und mittlere Unternehmen. Dieses Risiko wird nach Ansicht von Meissner von vielen Unternehmen stark unterschätzt. Die Expertin empfiehlt daher allen Personalverantwortlichen, ihre Beraterfunktion aktiver wahrzunehmen, um potenzielle Gefährdungen bereits frühzeitig er­kennen und abwenden zu können.

Nicola Schuldt-Baumgart

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.