Spruch der Woche

  • “Sicherheit erzeugt grosse Ängste vor dem Unsicheren!”

    Elfriede Jelinik


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Ausgebrannt - wenn nichts mehr geht

„Es gibt Wichtigeres im Leben, als beständig dessen Geschwindigkeit zu erhöhen.” Das soll der Führer der indischen Befreiungsbewegung Mahatma Gandhi gesagt haben. So aktuell dieser Satz zu Lebzeiten Gandhis war – heute ist er noch aktueller. Die Zeit verrinnt, das Leben schreitet vorwärts, die Arbeit stapelt sich auf dem Pult, die Freizeit ist durchorganisiert und alle wollen etwas von uns. Wir verlangen viel vom Leben und noch mehr von uns selber. Das bedeutet auch Stress.

Und wenn wir gestresst sind, weist unser Körper eine erhöhte Konzentration von Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol auf. Das befähigt uns, entweder zu flüchten oder zu kämpfen, was eigentlich gut ist. Zu einem Problem wird Stress dann, wenn er allgegenwärtig ist. „Aufgrund chronischer Stressbelastung kann ein Burnout-Syndrom resultieren”, sagt Andi Zemp, Psychologe und Burnout-Experte an der Privatklinik Wyss, Münchenbuchsee. Eine andauernde Stressbelastung könne vielerlei Ursachen haben. Neben der Belastung am Arbeitsplatz sei auch die Veranlagung mitverantwortlich – wie ein Körper mit Stress umzugehen vermag, so Zemp.

Stress wird von vielen Menschen als durchaus positiv bewertet, weil er die Leistung zu steigern vermag. Kein Wunder bei all dem Adrenalin, das im Stressmoment durch unseren Körper fliesst. Ob sich Stress positiv oder negativ auswirkt, entscheiden wir allein damit, wie wir ihn bewerten. So wird der Stress beim Bungee-Jumping meist anders bewertet als jener, wenn wir ungewollt von einem Hocker fliegen. „Dem Körper ist es letztlich egal, ob wir den Stress positiv oder negativ bewerten. Was er spürt, ist ein Zuviel an Stresshormonen, die er nicht mehr bewältigen kann”, so der Psychologe. Sobald dieser Zustand erreicht ist, wertet der Körper jeglichen Stress als Belastung.

Verschiedene Stadien
Auch wenn das Burnout-Syndrom ein schleichender Prozess ist, der auch als Risikozustand angesehen werden kann, kann man doch von verschiedenen Phasen sprechen. Herbert Freudenberger, ein deutsch-amerikanischer Psychologe und Psychoanalytiker, hat einen der bekanntesten Zyklen zu Burnout entworfen, der das Syndrom in zwölf Stadien einteilt und auf diese Weise anschaulich beschreibt.

Im ersten Stadium steht der Zwang, sich zu beweisen. Dieses Stadium ist am schwierigsten zu erkennen, weil der Wunsch nach Erfolg durchaus positiv ist. Kommen aber Dynamik und Verbissenheit dazu, kann sich der Wunsch schnell zu einem Zwang wandeln. Vielleicht auch, weil man übertriebene Erwartungen an sich selbst hat.

Darauf folgt der verstärkte Einsatz. Häufig entsteht er durch die Angst, die Kontrolle zu verlieren: Perfektionismus, Sorgfalt und Engagement werden zwanghaft und der Mensch wird unfähig, zu delegieren.

Im dritten Stadium werden eigene Bedürfnisse vernachlässigt. Weil die Arbeit oder die Aufgabe Priorität Nummer 1 hat, wird alles andere wie Pausen, Essen oder Erholung als nebensächlich, wenn nicht gar als überflüssig erachtet.

In einem nächsten Schritt werden Konflikte und Bedürfnisse gänzlich verdrängt. Man merkt zwar, dass etwas nicht in Ordnung ist, dass eine Pause angesagt wäre, aber dieses Bedürfnis wird immer wieder hinten angestellt. Niemand darf wissen, wie es einem geht. In dieser Phase entsteht vielfach ein Hang zur Sucht.

In der fünften Phase kommt die Desorientierung und damit auch das Umdeuten von Werten. Häufig wird dieses Stadium durch einen gestörten Zeitbegriff ausgelöst: Nur die Gegenwart zählt, weil die Belastung und der Druck zu hoch sind. Ereignisse kann man nicht mehr in normale Relationen stellen, Wichtiges kann von Unwichtigem nicht mehr getrennt werden.

Bei Stadium Nummer sechs werden auftretende Probleme verstärkt verleugnet. Dabei ist diese Verleugnung als Schutzmechanismus anzusehen; sie verschleiert den Prozess des Burnouts. Persönliche Bedürfnisse werden noch stärker vernachlässigt und die Menschen werden je länger je zynischer.

Unterschiedlicher Verlauf
Im siebten Stadium – wir haben die Hälfte überschritten – nehmen Gefühle von Hoffnungslosigkeit und Orientierungslosigkeit überhand. Es kommt zum Rückzug vor sich und der Welt. Dabei spielen auch Desillusionierung und emotionale Verflachung eine Rolle.

Danach folgt die beobachtbare Verhaltensänderung in der achten Phase. Darin verstärkt sich der Rückzug weiter und jede Zuwendung wird als Angriff angesehen. Was Unterstützung, Aufmerksamkeit und Nähe angeht, ist die Unterscheidungsfähigkeit weitgehend gestört.

Bei der Depersonalisation entsteht der Verlust des Gefühls für die eigene Persönlichkeit, womit auch der letzte Rest der Erkennung der eigenen Bedürfnisse verloren geht. Daraus folgt, dass man den eigenen Körper und die eigene Person verneint.

Im drittletzten Stadium entstehen oft schwere Phobien und Panikattacken. Die Betroffenen fühlen sich nutzlos, ausgezehrt, erledigt und die innere Leere ist kaum noch zu ertragen. Damit dieser Zustand ausgehalten werden kann, wird in dieser Phase häufig zu Drogen und Aufputschmitteln gegriffen.

Alles ist einem egal und die Verzweiflung und Erschöpfung haben vollends das Ruder übernommen. Sie sind häufig die einzigen wahrnehmbaren Gefühle in Stadium Nummer elf. Initiative und Motivation sind bei Null und die Depression wird deutlich erkennbar. Der Wunsch nach Dauerschlaf ist ein starkes Symptom; zudem können erste Suizidgedanken aufkommen.

Hier schliesst sich der Zyklus. In der zwölften und letzten Phase werden die geistige, die emotionale und körperliche Erschöpfung lebensgefährlich. Weil sich die ursprünglichen Zwänge aufgelöst haben, gibt es keinen Sinn mehr zum Weiterleben. Oft meldet sich auch das Immunsystem lautstark, indem es zusammenbricht. Diese völlige Burnout-Erschöpfung ist eine ernsthafte Krise. Allerspätestens zu diesem Zeitpunkt sollten sich Betroffene auf schnellstem Weg Hilfe suchen.

Dieser Zyklus ist ein Weg, um den Burnout-Prozess zu beschreiben. Allerdings betont Zemp, dass die Betroffenen nicht immer alle Stadien durchlaufen: „Fast nie läuft ein Burnout gleich ab, manche Menschen überspringen gewisse Punkte, andere verweilen bei einer Phase länger.”


Interview mit:
Andi Zemp, Psychologe und Burnout-Experte an der Privatklinik Wyss, Münchenbuchsee.

Früher galt Burnout als reines Symptom der Manager, der Ärzteschaft und der Lehrer. Wer kommt zu Ihnen?
Es sind viele verschiedene Berufe vertreten. Führungspersonen sind insofern öfter von Burnout betroffen, weil sie viel mit Menschen arbeiten. Das kann emotional sehr belastend sein. Aber es kommen nicht nur Topmanager zu uns, um sich behandeln zu lassen.

Wann kommen diese Menschen zu Ihnen?
In der Regel merken die Betroffenen nicht selber, dass sie unter einem Burnout leiden. Es ist ein schleichender Prozess, in den sie langsam hineinrutschen. Häufig wissen sie nicht, wie alles angefangen hat. Vielfach sind es auch die Partner, die den Betroffenen sagen, dass etwas mit ihnen nicht stimme, dass sie dauernd genervt und gereizt seien und dass sie etwas unternehmen sollen. Oder der Arbeitgeber merkt, dass die Leistungsfähigkeit deutlich abgenommen hat.

Bis vor ein paar Jahren kamen die Betroffenen erst, wenn sie schon grosse psychische Probleme wie eine Depression oder Angststörungen hatten. Heute, dank einer breiten Aufklärung bezüglich Burnout, kommen viele früher. Eine rechtzeitige Überprüfung lohnt sich in jedem Fall. Viele Menschen schaffen mit wenigen ambulanten Gesprächen bei uns die Kurve, ohne dass sie in einem richtigen Burnout landen.

Sicherlich sind auch die Heilungschancen viel grösser, je früher man sich Hilfe holt, oder?
Ja, die sind ungleich grösser. Ein Burnout sehe ich als Risikozustand an, und nicht als Krankheit. Die Krankheit wäre die daraus folgende Depression, die Angststörung oder die körperlichen Probleme. Burnout ist allerdings eine Phase, in der es höchste Zeit ist, sich Hilfe zu holen. Je früher dies jemand tut, umso besser stehen die Chancen, dass der Betroffene keine gröberen Probleme entwickelt und dass er im Arbeitsprozess bleiben kann. Es ist also allen gedient, wenn jemand früh genug die Handbremse zieht.

Wann müssen die Alarmglocken läuten?
Wir haben im Leben alle ab und zu stressige Phasen. Aus Studien wissen wir jedoch, dass ein gestörter Schlaf ein klares Symptom für Burnout ist. Dabei ist nicht die Rede von zwei, drei Nächten, in denen jemand nicht gut schläft. Die Störung muss Wochen dauern, damit wirklich Handlungsbedarf besteht. Das können Probleme beim Ein- oder Durchschlafen sein. Wer nicht mehr schlafen kann, der überlegt hin und her und die Arbeit lässt ihm auch keine Ruhe. Wenn diese für uns sehr wichtige Erholungsphase ungenügend ist oder gänzlich fehlt, sehe ich Alarmstufe Rot.

Und wie sehen die effektiven Heilungschancen aus?
Es kommt darauf an, in welchem Zustand die Menschen Hilfe suchen. Wenn sie in den Anfängen kommen, stehen die Chancen gut, dass sie nach einigen Sitzungen wieder vollständig in ihre Arbeit zurückkehren können. Aber Heilungschancen sind generell ein schwieriges Thema: Beispielsweise stellt sich die Frage, ob jemand geheilt ist, der vorher 150 Prozent arbeitete und nachher nur noch 80 Prozent. Aus meiner Sicht ist er geheilt, wenn er das gerne macht; also wenn ihm diese 80 Prozent reichen.

 

In unserer Klinik erheben wir keine diesbezüglichen Zahlen. Dank etlicher Studien wissen wir aber, dass nach einer Burnout-Therapie etwa ein Drittel vollständig geheilt ist, ein Drittel mit Einschränkungen lebt und ein Drittel nachhaltig darunter leidet. Bei diesem letzten Drittel stimmt meist der innere Wunsch nicht mit dem überein, was für ihn noch möglich ist. Dabei kann es sich um eine geschützte Arbeitssituation handeln oder um reduzierte Anforderungen.

 

Welche Therapiemöglichkeiten sind bei Ihnen vorgesehen?
Wir haben ambulante Möglichkeiten, wie etwa die Burnout-Sprechstunde. Bei jemandem, der in einem sehr frühen Stadium kommt, reichen manchmal wenige ambulante Gesprächssitzungen. Dann haben wir längerfristige ambulante Psychotherapien. Auch hier können die Patienten ganz normal weiterarbeiten und wir stellen gemeinsam ein Erholungsprogramm auf. Das ist meist sehr individuell und steht in Zusammenhang mit den Ressourcen.

 

Wie häufig kommen Patienten, die im ambulanten Programm sind?
Sie kommen einmal pro Woche alternierend ins psychotherapeutische Gruppengespräch oder in die Körpertherapie. Dort schauen wir, in welchen Situationen die Belastung für die Patienten immer wieder zu gross ist. Die Anforderungen der Arbeitswelt sind überall und branchenübergreifend gestiegen. Aber wir selber verfügen über einen Hebel, um dem entgegenzuwirken. Viele Menschen nutzen diesen Hebel jedoch nicht. Bei uns lernen sie, diesen zu gebrauchen und auch einmal Nein zu einem Auftrag zu sagen.

 

Ein gutes Beispiel finde ich die gleitende Arbeitszeit: die meisten Betriebe bieten sie an, aber die wenigsten Mitarbeitenden nutzen sie – sie kommen und gehen immer um die gleiche Zeit. Es sind pragmatische, alltagsbezogene Dinge, an denen wir arbeiten können. Manchmal geht es auch um körperlichen Ausgleich. Wenn jemand beispielsweise keinen Sport treiben will, schauen wir, ob er vielleicht im Alltag körperliche Betätigungen findet wie den Keller aufräumen oder den Garten in Ordnung bringen. In der Therapiegruppe werden Gespräche geführt. Bei Bedarf üben wir mittels Rollenspielen.

 

Wie sieht es bei den stationären Patienten aus?
Stationäre Patienten bleiben ungefähr vier bis sechs Wochen bei uns. Sie haben ein Programm mit psychotherapeutischem Gruppengespräch, Körpertherapie, Walking, Fitness, Kunsttherapie und Steinatelier. Viele Menschen mit einem Burnout entwickeln einen Tunnelblick: nichts zählt, ausser ihr Ziel. Das heisst, sie leben nicht in der Gegenwart, sondern in der Zukunft. Kreativität und die Beschäftigung mit etwas Unbekanntem bietet ein Gegenprogramm dazu. Das Steinatelier unterstützt die Betroffenen darin, im Moment zu leben und die negativen, automatischen, arbeitsbezogenen Gedanken zu stoppen.

 

Beim Steineschleifen von Hand oder maschinell geht es für einmal nicht um Output, sondern darum, dass sich die Patienten auf den Stein und das Schleifen konzentrieren. Denn wenn wir zum ersten Mal etwas machen, können wir in der Regel an nichts anderes denken. Die Patienten merken, dass sie sich auf etwas einlassen können, das nicht leistungsorientiert ist. Dann gibt es auch Einzelgespräche bei einem Psychologen oder Psychiater.

 

Gibt es einen Punkt in den Einzeltherapiegesprächen, die Sie mit allen Patienten anschauen?
Unsere Haltung orientiert sich primär nach vorn; das heisst, dass wir während der ganzen Therapie den Austritt immer im Auge behalten. Die Wiedereingliederung in die Arbeit ist eines unserer Hauptziele. Die Menschen sollen arbeiten gehen, ohne dass sie wieder in die Burnout-Falle geraten. Deshalb ist die Arbeit und das gesamte berufliche Umfeld ein sehr wichtiges Thema bei uns. Auch führen wir immer wieder Arbeitsgespräche. Wir versuchen, dem Arbeitgeber zu vermitteln, womit er rechnen muss, wie die Arbeitsbelastung später aussehen wird, was sinnvoll wäre und was nicht. Zudem sind Erholung, Ausgleich und soziale Kontakte sehr wichtige Punkte, die wir immer einbeziehen.

 

Aus dem Magazin Vista Nr.9 vom November 2012