Nur noch kurz die Welt retten

Von Termin zu Termin hetzen, E-Mails checken, telefonieren: Stress und dauerndes Multitasking führen früher oder später zu einem Burn-out – und verursachen Kosten in Milliardenhöhe.

«Muss nur noch kurz die Welt retten, danach flieg ich zu dir. Noch 148’713 Mails checken, wer weiss, was mir dann noch passiert», singt der deutsche Chartstürmer Tim Bendzko und bringt damit das heutige Lebensgefühl vieler Menschen auf den Punkt: immer gestresst und unter Hochspannung. Die Agenda von morgens bis Mitternacht durchgeplant. «Ich wär so gern dabei gewesen, doch ich hab viel zu viel zu tun, lass uns später weiterreden», heisst es in Bendzkos Hit «Nur noch kurz die Welt retten».

Weltretter befinden sich permanent unter Hochspannung, hetzen von einem Termin zum nächsten, beantworten noch schnell mit der einen Hand ein E-Mail, während sie mit der anderen schon den nächsten Termin über das iPhone vorbereiten. Multitasking heisst das beim Computer.

Permanenter Stress führt unweigerlich ins Verderben

Nur ist der Mensch keine Maschine. Der Homo multitaskus läuft immer am Anschlag, steht unter Dauerstress, und zwar medizinisch gesehen. Denn im Unterschied zur Alltagssprache, in der Stress oft mit Termindruck gleichgesetzt wird, spricht der Mediziner von Stress, wenn eine Person an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit stösst und sich auf dem Weg zu einem Burn-out befindet. «Personen, die unter Burn-out leiden, haben das Gefühl, dass ihre Batterien leer sind», erklärt dazu Toni Brühlmann, Leiter des Kompetenzzentrums Burn-out an der Privatklinik Hohenegg in Meilen. «Sie fühlen sich verbraucht und ausgelaugt.»

Grossen Anteil an einem Burn-out hat auch die moderne Technik. Mit iPhone, iPad und Co. ist man permanent erreichbar und immer abgelenkt. Doch ein Burn-out tritt nicht von einem Tag auf den anderen auf, es entwickelt sich schleichend über längere Zeit. «Warnsignale sind Schlaflosigkeit und unklare körperliche Beschwerden wie Kopfweh, Herzrasen oder Verdauungsbeschwerden», so Brühlmann. Aber auch Zerstreutheit oder fehlende Entspannung. Er betont, dass Stress nicht per se, sondern die Verarbeitung von zu viel Stress ungesund sei.

Acht Milliarden Franken pro Jahr nur wegen Stress

Dass ein Leben am Limit Folgen hat, zeigen Stress-Studien des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco). Demnach fühlte sich im Jahr 2010 jeder dritte Schweizer Erwerbstätige häufig oder sehr häufig gestresst. In der Welschschweiz gab gar jeder Zweite an, häufig gestresst zu sein. Im Jahr 2000 traf das erst auf jeden vierten zu. Um die geforderten Leistungen am Arbeitsplatz dennoch erbringen zu können, greift inzwischen mindestens jeder dritte Betroffene entweder auf leistungsfördernde oder auf schmerzstillende Medikamente zurück.

Dass diese hohe Belastung nicht spurlos an den Betroffenen vorbeizieht, zeigen die dadurch verursachten Kosten. Allein für die erwerbstätige Bevölkerung errechnete das Seco mehr als vier Milliarden Franken. Das sind 1,4 Milliarden medizinische Kosten, 350 Millionen Franken für Selbstmedikation gegen Stress und 2,4 Milliarden Franken im Zusammenhang mit Fehlzeiten und Produktionsausfällen. Noch dramatischer sieht es aus, wenn neben den direkt dem Stress angelasteten Kosten noch diejenigen für Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten hinzugezählt werden. Dann beläuft sich die Bilanz des Seco auf mindestens acht Milliarden Franken.

«Stress führt zu Konzentrationsschwächen und zu Unfällen, weil die Ablenkungsgefahr sehr gross ist», sagt der Luzerner Ruedi Rüegsegger (60), Arbeitspsychologe bei der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (Suva). «Telefonieren während des Autofahrens ist das beste Beispiel, wohin Multitasking führen kann.» Er empfiehlt deshalb, dringend etwas kürzer zu treten, die Geschwindigkeit des Lebens herunterzufahren und vor allem, diese Entschleunigung auch seiner Umgebung mitzuteilen. «Voll beschleunigt überlebt man auf die Dauer nicht.»

Klar kann Ruedi Rüegsegger verstehen, dass es gewisse Leute gibt, die süchtig nach Anerkennung sind und glauben, diese nur mit ungebremstem Einsatz aufrechtzuerhalten. «Es poliert natürlich das Ego auf, ständig gefragt zu sein», erklärt er. Doch sollte man sich hin und wieder die Frage stellen: «Muss ich wirklich überall mit dabei sein? Geht es nicht auch mal ohne mich?»

Text von Thomas Vogel und Jacqueline Jane Can, erschienen im Migros-Magazin vom 26. März 2012

 

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