Neurowissenschaft: Geistige Potenziale zur Entfaltung bringen

Interview mit Prof. Dr. Manfred Spitzer

Die Erkenntnisse der Neurowissenschaften in der letzten Dekade sind faszinierend und atemberaubend. Sie sollten besser früher als später auch zu unmittelbaren Konsequenzen für die Menschen und ihre Organisationen führen. Und sie sind wichtige Impulse, um die Zukunft erfolgreich zu gestalten.

Herr Professor Spitzer: Wie lernt das menschliche Gehirn?

Manfred Spitzer: «Ganz generell gilt, dass im menschlichen Gehirn Nervenzellen sitzen (etwa 100 Milliarden), die mittels elektrischer Impulse, die von den Sinnesorganen einlaufen, Informationen verarbeiten. Diese Zellen sind mit bis zu 10’000 Verbindungen untereinander verbunden. Diese Bindungsstellen nennt man Synapsen, an ihnen werden elektrische Impulse auf chemischem Wege übertragen. Die Anzahl dieser Verbindungen in unserem Gehirn ist mit etwa 1 Million Milliarden sehr gross.

Laufen nun Impulse durch unser Gehirn – wenn ich beispielsweise ein Glas Wasser sehe, meinen Arm ausstrecke, es zum Mund führe und trinke – dann verändern sich dadurch die Synapsen: Diejenigen, über die Impulse laufen, wachsen. Dadurch nimmt die Übertragungsstärke an ihnen zu, d.h. die Impulse laufen besser über genau diese Synapsen, über die sie schon einmal gelaufen sind. So entstehen im Gehirn gleichsam Trampelpfade. Man kann sich das so vorstellen wie Spuren im Schnee, die dadurch entstehen, dass Menschen ganz bestimmte Wege in einer frisch verschneiten Landschaft verfolgen. Die Wege entstehen einfach durch ihren Gebrauch. Nicht umsonst spricht man auch von Gedächtnisspuren.

Eines folgt unmittelbar: Wenn ein einzelner Impuls irgendwo läuft, passiert praktisch keine Veränderung im Gehirn. Umgekehrt gilt: Unser Gehirn ist das dynamischste Organ, über das wir verfügen: Dauernd wird dort abgebaut, umgebaut, neu gebaut und wieder weggeräumt, je nach Aktivität an den Synapsen. Ein zweites folgt auch: Lernen lebt von Wiederholung. Und noch ein drittes: Unser Gehirn ist für Einzelheiten nicht gebaut, sondern merkt sich gleichsam ‘hinter’ den Einzelheiten befindliche allgemeine Regeln, d.h. regelhafte Spuren seines Gebrauchs. Und ein letztes: Eines kann unser Gehirn nicht – nicht lernen. Es lernt immer und kann gar nicht anders!»

Was motiviert uns zum Lernen?

«Die Frage ist im Grunde falsch gestellt: Menschen sind dadurch ausgezeichnet, dass sie nicht nur Nahrung suchen, sondern beständig auch auf der Suche nach neuen Informationen sind. Wenn wir schon ein so grosses Gehirn mit uns herumschleppen, das ja viel Energie verbraucht und uns deswegen Arbeit macht – denn wir müssen Nahrung aufnehmen, um es mit Energie zu versorgen – dann müssen wir es auch dauernd zu irgend etwas Gutem verwenden. Und die Antwort heisst, wir lernen dauernd.

Sofern wir uns dies nicht durch unsere Lebensgewohnheiten abgewöhnt haben, sind alle Menschen von Natur aus neugierig. Wenn Sie es nicht glauben, schauen Sie einem Baby zu. Motivation entsteht also nicht dadurch, dass man sie von aussen irgendwie herbeiführt, sondern sie entsteht letztlich genauso wie Hunger. Einfach dadurch, dass man abwartet und dass sonst nichts passiert. Wichtig ist, dass man Menschen nicht demotiviert und ebenso wichtig, dass man die Motivation, die sowieso entsteht – ähnlich wie beim Hunger, den man durch leere Kalorien befriedigen kann – nicht durch leere Aktivität vertut – sich z.B. in einem virtuellen Raum von Ebene 17 auf Ebene 18 durchzuballern.»

Inwiefern beeinflussen die Gene unsere geistige Leistungsfähigkeit?

«Es gibt durchaus Gene für Begabungen und damit auch Gene für geistige Leistungsfähigkeit. Ich will die Frage einmal durch einen Vergleich beantworten: Es gibt ja auch Gene für die Leistungsfähigkeit von Muskeln, und wenn man eine Goldmedaille gewinnen will und alle Leute maximal trainieren, entscheiden letztlich die Gene darüber, wer gewinnt. Auch wenn man Spitzensportler aussucht, bedient man sich heute schon genetischer Analysen. Nimmt man aber den Mann von der Strasse, so wird jeder zugeben, dass es nicht an seiner Genetik liegt, wie trainiert er ist, sondern daran, wie viel er trainiert. Nicht anders ist es mit unserer geistigen Leistungsfähigkeit.»

Hilft regelmässige Meditation der Altersdemenz vorzubeugen?

«Demenz bedeutet geistigen Niedergang. Wie bei jedem Abstieg hängt die Zeit, die er dauert, davon ab, von welcher Höhe man beginnt. Wer vom Mount Everest absteigt, braucht dafür ziemlich lange, wer sich dagegen von einer Sanddüne am Strand auf Meereshöhe begibt, braucht nicht sehr lange dafür. Genauso ist es bei der Demenz auch. Alles, was unsere geistige Leistungsfähigkeit in der Zeit vor einer Demenz fördert, führt dazu, dass die Demenz später einsetzt und wir länger geistig fit bleiben. Die biochemischen Prozesse, die bei manchen Demenzerkrankungen vorliegen, kann man durch psychologische Prozesse nicht verändern.»

Können wir unseren Alltag so gestalten, dass unser Gehirn in Bewegung bleibt?

«Ja, das können wir und das Interessante ist, dass zu den wichtigsten Dingen, die wir tun können, körperliche Bewegung zählt: Sie führt nicht nur zum Training von Muskeln, Herz und Kreislauf, zu Knochenwachstum und zur Vorbeugung aller möglichen Alterserkrankungen, sondern auch zu Nervenzellwachstum im Gehirn. Dies wissen wir erst seit etwa zehn Jahren, es ist aber eindeutig nachgewiesen. Das beste Gehirnjogging ist also zunächst einmal Jogging. Ansonsten hatte ich bereits angesprochen, dass unser Gehirn eines nicht kann: Nicht lernen.»

Wer keine Aufmerksamkeitsstörung hat, kann sie sich durch Multitasking antrainieren? Heisst das, dass Multitasking auf Dauer zur Verblödung führt?

«Nach neueren Untersuchungen hat Multitasking tatsächlich ungünstige Auswirkungen auf unsere Fähigkeit der Konzentration. Ich würde nicht von Verblödung sprechen. Aber wer geistig leistungsfähig sein will, sollte nicht aktiv multitasken, sondern aktiv versuchen, dies zu vermeiden.»

Ist die Demenz im Alter ein unumgängliches Szenario?

«Ja und nein. Biologische Prozesse sind bislang noch schwer zu beeinflussen, aber wie eben gerade angedeutet, können wir doch einiges tun: Uns gesund ernähren, Bluthochdruck und damit Gefässkrankheiten vermeiden, die zu Durchblutungsstörungen im Gehirn und damit zum Nervenzelltod führen, chronische Krankheiten wie Diabetes oder Bluthochdruck nicht verschleppen, sondern gründlich und dauerhaft behandeln und vor allem auch auf ein soziales Umfeld achten, das uns anspricht.

Wer sein Rentenalter vor dem Fernseher, auf Golfplätzen und Kreuzfahrtschiffen verdöst, muss sich nicht wundern, dass er geistig abbaut. Wer aktiv am Leben teilnimmt, Austausch mit vielen Menschen hat und sich genügend bewegt, dem wird es anders ergehen. Viele Menschen sind bis ins hohe Alter geistig ausserordentlich fit. Das sind sie nicht, weil sie jeden Tag ein Kreuzworträtsel lösen oder irgend etwas anderes tun und damit sozusagen Gehirntraining betreiben. Das beste Gehirntraining ist ein aktives Leben inmitten anderer Menschen.»

Wie können Unternehmen die Ergebnisse aus der aktuellen Hirnforschung für ein kollektives Lernen nutzen?

«Natürlich können sie das, wir haben ein ganzes Forschungsinstitut gegründet, um der Frage nachzugehen, wie sich die Erkenntnisse aus der Neurowissenschaft für praktische Lernaufgaben umsetzen lassen. Um diese Frage detailliert zu beantworten reicht der Platz hier leider nicht.»

Was hat Sie bei Ihrer langjährigen Hirnforschung selbst am meisten überrascht?

«Ich bin selbst immer wieder überrascht, mit welchen raffinierten Methoden und Methoden-erweiterungen meine Kollegen heute weltweit Fragen beantworten, die wir uns noch vor zehn Jahren nicht zu stellen getrauten: Wie entsteht Verantwortung, was heisst Einfühlungsvermögen, welche Gehirnprozesse bedingen glückende Kommunikation zwischen zwei Menschen, wie funktioniert Schadenfreude, wie Einsamkeit und was kann man dagegen tun? All dies sind Fragen, die heute durch die Gehirnforschung bearbeitet werden.»

Das Interview führte Manuela Palla, es erschien im Alpha Kadermarkt vom 18. Februar 2012.

Dr. Manfred Spitzer ist ein renommierter Neurowissenschaftler und Bildungsforscher. Er ist ärztlicher Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik Ulm und zählt zu den bekanntesten Hirnforschern Deutschlands.

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