Innovation und digitale Selbstausbeutung

Digitale Innovationen und kollaborative Arbeitswerkzeuge vereinfachen die Arbeit und ermöglichen flexible Arbeitszeiten und -orte. Davon profitieren besonders Familien. So heisst es zumindest, wenn man euphorischen Stimmen zuhören will. Und ein Schweizerischer Telefonanbieter meint dazu wörtlich: „Vereinfachen Sie Ihren Alltag. Wir haben dafür die richtigen Gadgets.

Auf der anderen Seite versichern bestandene Wissenschaftler, dass die Arbeitsbelastung im Gegensatz zu früher stark zugenommen habe. Und Tatsache ist, dass die Zahl der Fälle von Burn-out massiv gestiegen ist.

Dennoch, die Ersteren haben nicht ganz unrecht. Computer vereinfachen die Arbeit: In der gleichen Zeit, lässt sich viel mehr erledigen. Aber damit nicht genug, der allgemeine Trend geht ganz klar in Richtung „höhere Produktion in weniger Zeit mit weniger Ressourcen. Dynamik und Komplexität steigern und verbinden sich zu einer unheilvollen Mischung. Manche sprechen bereits von „Dynaxität“. Keine Spur von vereinfachtem Alltag. Ganz im Gegenteil, die Anforderungen und damit der Druck auf den Einzelnen nehmen kontinuierlich zu und ein Ende ist nicht abzusehen.

Und richtig ist auch, dass die Arbeitswelt flexibler wird. Was aber eigentlich mehr Gestaltungsfreiheit bedeuten könnte, wird oft als Gefahr für Rekreationsphase und Privatleben erfahren. Arbeits- und Freizeit vermischen sich nicht ergänzend, sondern die Arbeitszeit frisst die Freizeit auf. Die ubiquitäre Verfügbarkeit – überall und allzeit, neben Smartphone, Tablet jetzt auch noch mit Wearables – bildet dabei die technologische Basis. Pflichtgefühl und vor allem ein unerbittlicher Konkurrenzdruck sind aber die wahren Motivatoren für ein Phänomen, das nur als Selbstausbeutung bezeichnet werden kann. Gepeinigt von inneren und äusseren Faktoren und gestützt auf sein digitales Instrumentarium quält sich das Individuum rund um die Uhr bis an seine Grenzen. Das „gute digitale Leben“ demaskiert sich als Horrorvision und digitale Kompetenz verkommt zu blossem Suchtverhalten.

Als Gegenmittel wird Work-Life-Balance gehandelt. Wie wenn die Arbeit nicht zum Leben gehören würde, wird damit aber nur ein weiteres Trugbild an die Wand gemalt. Die dazugehörenden Vorbilder laufen in der Freizeit Marathon, patrouillieren über Gletscher oder fahren mit dem Rennvelo durch die halbe Schweiz. Alles zur Optimierung der eigenen Performance. Wie davon Familie und Umwelt profitieren sollen, ist schleierhaft.

Bis zur Besinnungslosigkeit rattert es im Hamsterrad. Und irgendwann ist Schluss. Vielleicht wäre es besser, schon vorher ab und zu auf den roten Knopf eines Gadgets zu drücken. Um den Alltag tatsächlich zu vereinfachen.

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