«Ich will immer gewinnen»

Aus “BILANZ, 2, 2011”, Das Gespräch mit Arno Del Curt, von Stefan Barmettler

«Ich will immer gewinnen»

Arno Del Curto, der erfolgreichste Schweizer Eishockeytrainer, über Heavy Metal als Motivator, das Einüben der «Mondscheinsonate» und seine gescheiterte Unternehmerkarriere.

BILANZ: Sie gelten als einer der erfolgreichsten Sporttrainer Europas. Ihr Rezept?
ARNO DEL CURTO: Authentizität, die Suche nach der Perfektion, harte Arbeit, viel Spass.

Auf der Türe zur Garderobe der Mannschaft steht der Spruch: “No excuses». Das tönt nicht nach Spass.
Wer nach Ausreden sucht, hat schon verloren. Meine Philosophie ist: Wer verliert, hat etwas falsch gemacht. Der steht in der Verantwortung, muss etwas ändern, bei sich. Oder soll ich nach einer Niederlage in Jubel ausbrechen? Nein, ich will immer gewinnen, am liebsten 6:0.

Gegen die ZSC Lions gewann der HC Davos kürzlich 7:1, trotzdem haben Sie Ihre Spieler zusammengestaucht.
Nicht zusammengestaucht. Wir lagen nach 20 Minuten mit vier Treffern vorne. Da droht immer die Gefahr, dass die Spieler eine Partie auf die leichte Schulter nehmen. Das mag ich nicht. Ich habe sie deshalb ermahnt, mit Respekt und taktischer Disziplin zu Ende zu spielen.

Weil Schlendrian drohte?
Wer im Wohlstandsparadies Schweiz vorne liegt, macht es sich oft bequem. Das ist eine Mentalitätsfrage und gilt nicht nur im Sport. Es ist ja nicht so, dass jeder in der Schule eine Sechs machen, CEO von Nestlé oder Nachfolger von Schneider-Ammann werden will. Die meisten wollen mit möglichst wenig Aufwand möglichst viel für sich herausholen. Auch im Sport.

Und da greift Arno Del Curto subito ein.
Ich wünsche mir ein schnelles, enthusiastisches Spiel. Wir haben Verpflichtungen gegenüber den Fans, den Sponsoren, uns selber. Wenn man gewinnt, geht vieles einfacher, man steht in der Sonne, im Scheinwerferlicht – und man verdient mehr. Wenn wir ein paar Mal hintereinander verlieren, baut sich ein Tsunami auf. Nach der sechsten Niederlage spült er alle weg.

Sie gewannen in den letzten Jahren vier Meistertitel, wurden Trainer des Jahres. Ihr Antrieb nach all den Erfolgen?
Ich will hoch stehendes, schnelles Eishockey, ich will die Teamleistung optimieren, ein Spielsystem implementieren, das auch bei hohem Tempo funktioniert. Der FC Barcelona ist mir ein Vorbild: Diese schnellen Ballstafetten sind Spass pur.

Sie plädieren für ein strenges Spielsystem – die Genialität von Ausnahmesportlern bleibt da auf der Strecke.
So redet einer, der das Wesen eines Mannschaftssports nicht versteht. Wenn fünf Solisten auf dem Platz stehen, ist das noch kein Erfolgsgarant. Es braucht ein System, eine Zusammenarbeit, die funktioniert. Vor ein paar Jahren habe ich während dreier Wochen das Training der Chicago Bulls besucht …..

…..eine Basketballmannschaft.
Richtig, Michael Jordan, Dennis Rodman und Scottie Pippen spielten mit. Diese Superstars, die alle über zehn Millionen Dollar im Jahr kassieren, haben sich vorbildlich ins Spielsystem eingefügt. Wie gesagt: Erfolg gibt es nur in einem harmonierenden Team. Die Bulls waren US-Meister in Serie.

Wie wichtig sind finanzielle Anreize im Profisport?
Klar sind sie wichtig. Beim HC Davos haben wir ein spezielles Lohnsystem. Wir beziehen einen Grundlohn, dazu kommen vier variable Lohnbestandteile: die Qualität der Arbeit im Sommer, der Auftritt auf dem Eis und in der Öffentlichkeit im Winter, das Abschneiden in der Meisterschaft und der Gewinn auf Stufe Ebit des HC Davos. So kann einer im besten Fall zum Grundlohn 40 Prozent dazuverdienen oder aber 20 Prozent verlieren.

Und wer entscheidet über die Faktoren?
Bei den ersten beiden ich, im Gespräch mit den Spielern, beim Schlussrang die Mannschaft, beim Gewinn der Jahresabschluss.

Sie haben beim HC Davos als Trainer um vier Jahre verlängert.
Da kann etwas dran sein.

Gleichzeitig will Sie offenbar der HC Lugano abwerben?
Es wird viel geredet und geschrieben.

HC-Lugano-Besitzer Geo Mantegazza soll eine Million Franken Jahresgage bieten.
Ich habe bei allen Anfragen abgewinkt und gesagt, zuerst entscheide ich, wie es in Davos weitergeht, entsprechend habe ich mit niemandem verhandelt.

Sie sind jetzt 15 Jahre beim HC Davos. Wann ist genug?
Ich will immer besser werden, will noch mehr aus der Mannschaft herausholen. Ich bin nie zufrieden, gebe keine Ruhe, bin jeden Morgen zu 100 Prozent motiviert. Zudem habe ich eigentlich zwei Jobs in Davos: Ich trainiere die Mannschaft und stelle sie zusammen, dann handle ich auch die Verträge mit den Spielern aus, nach den Budgetvorgaben des Verwaltungsrats.

Bei Davos, so heisst es, kann der Spieler gehen, wenn der Trainer geht. Arno Del Curto ist ein Klumpenrisiko beim HCD.
Wir Schweizer sind Weltmeister im Negativsein. Der HC Davos hat Erfolg, wir spielen seit zehn Jahren ganz vorne mit. Und ich fühle mich für Fans, Sponsoren und Spieler verantwortlich, mit einigen arbeite ich seit 18 Jahren zusammen. Was soll daran falsch sein? Der Erfolg gibt unserem System recht. Und das Klumpenrisiko kann nicht so gross sein: Ich habe die Mannschaft zusammengestellt, bevor ich dem HC Davos zugesagt habe.

Wo haben Sie am meisten gelernt?
Ich habe viel Management-Literatur gelesen, Kurse besucht. Aber entscheidend waren für mich Erfahrungen: die Gespräche mit meinem Freund Alpo Suhonen, der einst die Chicago Blackhawks trainierte. Sehr nützlich war auch, dass ich einst um die Eishockeywelt reiste und die Arbeit von Spitzentrainern studierte. In der Sowjetunion war ich bei Viktor Tichonow, dem erfolgreichsten Trainer aller Zeiten. Unglaublich, wie er sein Spielsystem trainierte. Da hat man einen speziellen Spielzug einen Tag lang geübt, bis die Pässe millimetergenau sassen.

Wo haben Sie sonst noch abgeschaut?
In Schweden hat mich das Defensivspiel fasziniert, in Kanada der Körpereinsatz, die Schusskraft und der Zug aufs Tor, in Tschechien das Stellungsspiel, in Finnland das läuferische Können. Aus diesen Erfahrungen habe ich für mich das Beste genommen – und eigene Ideen hinzugefügt. Ich habe für mich die Globalisierung im Eishockey vorweggenommen.

Woher haben Sie die eigenen Spielideen?
Ich bin genug kreativ und mutig, um neue Dinge auszuprobieren. Auch habe ich viel über Führung und Persönlichkeiten gelesen. Ein Richard von Weizsäcker oder ein Helmut Schmidt haben mich fasziniert, ihre Rhetorik, ihre messerscharfe Analyse, ihre Eigenständigkeit. Oder Charles de Gaulle: die menschliche Wärme dieses Generals, spannend. Jetzt lese ich gerade ein Buch über den irischen Polarforscher Ernest Shackleton.

Weshalb?
Mich interessiert, wie er seine Expedition führte. Mit Mut, Ironie, Gestik und Überzeugungskraft hat er sie auf dem richtigen Kurs gehalten. Aber letztlich kommen mir viele meiner Ideen beim Nachdenken beim Spazieren. Dazu braucht es ein gutes Bauchgefühl. Man muss innert Sekunden merken, ob im Team die Luft dick ist. Man muss wissen, wie man eine negative Stimmung ins Positive kehrt, wie man das Letzte aus den Spielern holt. Manchmal muss man zu unkonventionellen Methoden greifen, da gibt es 1`000 Möglichkeiten.

Nämlich?
Mit einigen Spielern, die dem Spiel nervlich nicht gewachsen waren und nicht auf Touren kamen, ging ich ins Kinderspital Zürich. Wir spielten mit krebskranken Kindern, redeten mit ihren Eltern. Ein tiefes Erlebnis, das hat bei einigen Spielern die Blockade gelöst, weil sie sahen, dass sie auf der Sonnenseite stehen. Man muss ganz nahe bei den Spielern sein. So spürt man auch, wer dabei ist, ein richtiger Siegertyp zu werden. Wer nach einem ersten Stockschlag nicht aufgibt, sondern in eine Jetzt-erst-recht-Stimmung gerät. Ein Sieger lässt sich nie unterkriegen, Widerstand stachelt ihn an. Ich liebe es, wenn sie an die Grenzen gehen und über sich hinauswachsen – da helfe ich gerne mit.

Sie machen es vor?
Die Vorbildfunktion ist zentral. Ich suche auch für mich immer wieder neue Herausforderungen. Vor ein paar Jahren setzte ich mir in den Kopf, die «Mondscheinsonate» von Beethoven auf dem Klavier zu spielen. Jeder sagte, Arno, das schafft du nie.

Ein Sieger lässt sich nicht unterkriegen, sagt Del Curto.
Nach dem Training sass ich mit einem Musiklehrer ans Klavier. Nach drei Wochen klang es miserabel. Dann bin ich während dreier Wochen gegen 16 Stunden am Klavier gesessen und habe geübt – und nur drei Stunden geschlafen. Schliesslich schaffte ich es, dazu noch ein Stück von Bizet und eines von Bach.

In der Garderobe peitschen Sie Ihre Spieler mit ohrenbetäubendem Heavy Metal an.
Kurz vor dem Spiel sind Rage Against the Machine und Red Hot Chili Peppers angesagt. Dann dröhnt Rocksound durch die Garderobe. Schauen Sie hier auf meinen iPod, da sind 18`000 Songs drauf. Es gibt für jede Phase das Passende. Beim Einlaufen spiele ich Coldplay, vor dem Spiel Hardrock, nach einem Sieg eher etwas Beschauliches von Züri West oder Gölä.

Sie waren an der Höheren Wirtschafts- und Verwaltungsschule (HWV) in Zürich. Was haben Sie dort gelernt?
Ich habe nicht abgeschlossen, weil ich ein Jobangebot erhielt. Obwohl ich eher der kreative Typ bin, habe ich an der Schule den Schwerpunkt Finanzen gewählt. Die ersten Erfahrungen auf diesem Gebiet hab ich mit 20 Jahren in Nigeria gesammelt.

Ein Eishockeyspieler in Nigeria?
Ich war damals Spieler bei GC und wollte einen Sommer in Nigeria verbringen. Unser Präsident und Sponsor ermöglichte mir ein Praktikum als Lohnbuchhalter in Lagos. Eines Tages wurde der Finanzchef in die Schweiz zurückbeordert und verhaftet – nun musste ich in Afrika plötzlich die Arbeit des Chief Accountant einer Baufirma mit 3`000 Angestellten erledigen. Statt ein paar Wochen blieb ich neun Monate.

Sie wurden später Unternehmer und gründeten mit einem Partner eine Telefonmarketingfirma. Es ging schief.
Die Business-Idee war bestechend. Wir waren mit der Telefonmarketingfirma und einer Natel-Vertretung fast die Ersten im Markt. Leider hat mich der Partner übers Ohr gehauen.

Sie merkten es nicht?
Leider nein. Ich war Trainer bei Küsnacht, der U-18, half beim ZSC mit. Ich realisierte es erst, als die Kunden nach Mahnungen reklamierten, sie hätten schon längst bezahlt. Da stand ich vor der Alternative: Entweder geht die Firma pleite, oder ich stehe gerade für den Verlust von rund 400`000 Franken.

Ihr Entscheid?
Glücklicherweise konnte ich meinen Vater dazu überreden, die Hypothek auf sein Haus um 250`000 Franken aufzustocken. Dann ging ich mit einem Koffer zur Bank, legte über 200`000 Franken bar auf den Tisch und sagte: Entweder nehmt ihr das Geld, oder ich mache Privatkonkurs. Da willigten sie ein.

Und die Schulden?
Ich stotterte jeden Rappen ab, vor sechs Jahren bezahlte ich die letzte Tranche. Am Anfang, als ich knapp 3`000 Franken im Monat verdiente, mussten wir uns beim Essen einschränken. Statt Fleisch gab es Reis mit Spiegelei. Eine Zeit lang hatte ich nicht einmal genug Geld, um einen Kaffee zu bezahlen. Diese Erfahrung hat mich bescheiden gemacht und mental gestärkt.

Welche Lehren haben Sie aus Ihrer gescheiterten Unternehmerkarriere gezogen?
Zu viel Vertrauen kann ins Auge gehen. Man muss eigene Probleme selber lösen, sich durchbeissen, zufrieden sein mit dem, was man hat. Vom Vater, einem Arbeiter, habe ich Demut gelernt und die Einsicht, dass man Verantwortung übernehmen muss

 

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