Ich versuche einfach nur, das, was ich tue, möglichst gut zu tun!

Aus “Der Sonntag,” Nr. 50, 19. Dezember 2010

Im Interview spricht der norwegische Biathlet Ole Einar Björndalen über Motivation, seinen Hygiene-Tick und den Fluch seiner Medaillen.

6 Olympiasiege, 14 WM-Titel, 93 Weltcupsiege: Ole Einar Björndalen ist der erfolgreichste Wintersportler der Geschichte. Und hat mit bald 37 Jahren noch lange nicht genug.

VON MAC HUBER

Ole Einar Björndalen, Sie werden in den Medien oft als «Kannibale» bezeichnet. Für Sie ein Schimpfwort oder ein Kompliment?

Ole Einar Björndalen: (lacht) Ich esse doch keine Menschen. Aber ja, den Ausdruck «Kannibale» haben die Journalisten erfunden, wahrscheinlich, weil ich so viele Rennen gewonnen habe. Also ich hoffe, es ist deswegen.

Sie haben alles gewonnen, was es im Biathlon zu gewinnen gibt. Sie hätten längst zurücktreten können. Warum tun Sie es nicht?
Ich habe immer noch sehr viel Spass am Sport – am Langlauf wie am Schiessen. Ich trainiere immer noch sehr gern. Und ich kann mich noch immer weiterentwickeln.

Weiterentwickeln? Im Januar werden Sie 37 Jahre alt. Andere Sportler haben da bereits den Rücktritt vom Rücktritt hinter sich.
Entwicklung ist keine Frage des Alters, sondern des Willens. Ich kann noch alles verbessern: Technik, Kraft, Ausdauer – einfach alles. In letzter Zeit bin ich vor allem im Kopf stärker geworden.

Ihr Mentaltrainer ist in der Szene unbekannt – ein geheimnisvoller Guru?
Der Name spielt keine Rolle. Und ich will jetzt auch nicht alle Details breitschlagen. Er ist mein Mentaltrainer und er hat mir vor allem fürs Schiessen sehr geholfen. Wir arbeiten seit zwei Jahren zusammen, ich habe ihn aber erst einmal gesehen.

Wie funktioniert denn die Zusammenarbeit?
Am Telefon.

Am Telefon? Da flüstert er Ihnen positive Gedanken ins Ohr?
Ich möchte nichts mehr dazu sagen. Die Konkurrenz schläft nicht.

Wovor fürchten Sie sich?
Ich fürchte mich nicht.

Haben Sie manchmal Angst, mit den Jüngeren nicht mehr mithalten zu können?
Angst nicht, aber Respekt, ja. Biathlon hat sich in den letzten 20 Jahren extrem entwickelt, die Athleten werden immer besser. Früher, da bin ich mit einer schlechten Leistung noch aufs Podest gekommen, heute muss ich mich jede Saison top vorbereiten.

Was genau ist für Sie eine Topvorbereitung?
Ich trainiere zwei- bis dreimal am Tag, meist sieben Tage pro Woche, das ganze Jahr.

Machen Sie auch mal Pause?
Manchmal – bei der Siegerehrung.

Und Ferien?
Oh ja. Und der nächste Urlaub ist auch schon geplant: im März 2014, nach den Olympischen Spielen in Sotschi.

Bis dahin machen Sie keinen Tag Pause?
Pausen sind nicht geplant.

Machen Sie bis 2014 weiter, weil Sie den Olympischen Rekord Ihres Landsmanns Björn Daehlie knacken wollen, der als Langläufer acht Goldmedaillen gewonnen hat?
Björn Daehlie ist für mich der grösste Olympionike der Geschichte. Der Rekord steht für mich nicht im Vordergrund, wirklich nicht. Wenn ich die Motivation verliere, höre ich vor 2014 auf.

Und wenn nicht?
Dann mache ich vielleicht weiter.

Im Jahr 2016 sollen die Biathlon-Weltmeisterschaften in Norwegen, in Ihrer Heimat, stattfinden.
Ich würde dann gern dabei sein. Aber eher als Botschafter denn als Athlet.

Bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften haben Sie bisher sagenhafte 45 Medaillen gewonnen. Ist Edelmetall Ihr Antrieb?
Nein, im Gegenteil. Eine Medaille, vor allem eine goldene, ist Gift für die Motivation. Sie macht dich satt und bequem. Du bleibst sitzen und ruhst dich auf deinen Lorbeeren aus – und das ist Scheisse. Wenn ich eine Medaille gewonnen habe, lege ich sie immer gleich in den Safe und schaue sie nie mehr an – nie mehr.

Sie verdrängen Ihre Erfolge?
In einem gewissen Sinn, ja. Erfolge sind auch Altlasten. Was war, interessiert mich nicht, oder nur ganz kurz, für die Analyse. Dann stelle ich den Zeiger wieder auf null und schaue nach vorne, konzentriere mich auf das nächste Training, das nächste Rennen. So bleibe ich hungrig und motiviert.

Immer wieder bei null beginnen – wird das mit der Zeit nicht ziemlich anstrengend?
Wieso anstrengend? Es geht immer wieder von neuem los, es gibt immer wieder einen neuen Weg, es geht immer in die Zukunft.

Träumen Sie vom perfekten Rennen?
Ich versuche immer, möglichst gut zu sein. Aber das perfekte Rennen gibt es nicht, nie. Es gibt immer etwas, was man besser machen kann.

Sind Sie ein Perfektionist?
Viele sagen, ich sei einer. Aber ich versuche einfach nur, das, was ich tue, möglichst gut zu tun.

Wie viele Titel haben Sie sich an der kommenden WM zum Ziel gesetzt? Zwei? Drei?
Ich habe mir den Gesamt-Weltcup zum Ziel gesetzt. Wenn ich auf dem Weg dahin noch Weltmeister werde – auch gut.

In Ihrer langen Karriere sind Sie kaum jemals krank oder verletzt gewesen. Zufall?
Ich habe einerseits sicher Glück gehabt. Andererseits schütze ich mich auch entsprechend.

Ihnen wird ein Hygiene-Tick nachgesagt. Stimmt es, dass Sie auf jede Reise einen Staubsauger mitnehmen?
Früher habe ich oft einen Staubsauger im Auto gehabt, um die Hotelzimmer reinigen zu können. Heute nehme ich, wie alle andern Norweger auch, eine Plastikplane mit, um die Teppiche im Hotel abzudecken und mich so vor Keimen zu schützen. Hygiene ist sehr wichtig.

Man sagt, vor grossen Rennen vermeiden Sie sogar das Händeschütteln.
Sagen wirs so: Ich suche die Hände nicht. Ich will einfach keine unnötigen Risiken eingehen. Mit der Vorsicht bin ich bisher gut gefahren. (Anmerkung: Beim Weltcup-Auftakt in Östersund (Sd) legte verseuchtes Trinkwasser ganze Teams flach. Björndalen hingegen feierte mit seinem Landsmann Emil Hegle Svendsen in allen drei Disziplinen Doppelsiege).

Sie sind seit vier Jahren mit Nathalie Santer verheiratet. Versteht Sie Ihre Macken? Ihre Passion für den Sport?
Ja, zum Glück. Sie war ja auch lange Zeit Biathletin. Heute ist sie begeisterte Reiterin, sie hat eigene Pferde.

Sie ist zwei Jahre älter als Sie. Drängt sie auf Kinder?
Kinder sind ein Thema für uns. Ich mag Kinder. Ich bin achtfacher Onkel und ich freue mich jedes Mal, wenn ich meine Nichten und Neffen wiedersehe.

Sie sind Norweger, wohnen in Österreich und haben Ihre Schwiegereltern in Italien. Wo fühlen Sie sich zu Hause?
Überall, wo man langlaufen kann.

Welche Beziehung haben Sie zur Schweiz?
Die Schweiz gefällt mir sehr. Ein schönes Land, ein selbstständiges Land, sehr gut strukturiert. Die Schweizer arbeiten viel und genau. Das gefällt mir.

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