Hören Sie jetzt zu?

Ein paar Gedanken zu Aufmerksamkeitsdefiziten, Handy-Knigge und die Kunst zu begeistern.

Man kennt es aus dem Alltag: Die Mutter ruft, das Kind hört nicht. Weil es tief in einem spannenden Buch steckt. Wie Forscher vom University College London kürzlich im “Journal of Neuroscience” berichteten, werden beim Hören und Sehen allem Anschein nach die gleichen neuronalen Ressourcen genutzt. Die Forscher gaben Testpersonen visuelle Aufgaben, spielten gleichzeitig Töne ab und scannten dabei die Hirne der Probanden. Wenn demnach ein Sinn zu viele Ressourcen beansprucht, wird die Verarbeitung des anderen Sinnes unterdrückt. Es ist dabei aber nicht so, dass Leute Geräusche einfach herausfiltern oder ignorieren, sondern sie hören die Geräusche gar nicht. Haben Sie vielleicht gerade jetzt etwas „überhört“?

 

Das Gehirn streikt bei Multitasking!

Die Studie widerlegt auch einmal mehr den Mythos des Multitaskings. Wie schon diverse andere Studien seit geraumer Zeit beweisen, ist es dem menschlichen Gehirn schlicht nicht möglich, verschiedene komplexe Arbeiten gleichzeitig auszuführen. Man weiss es aus eigener Erfahrung: Auch das beste Gehirn kommt irgendwann – oft schneller als manche meinen – an seine Grenzen. Gute Belege dafür sind die Video-Experimente mit dem unsichtbaren Gorilla. (Wer sie nicht kennt, sollte unbedingt hier klicken.)

Dass die Benutzung des Handys während des Autofahrens verboten ist, ist darum nichts als logisch. Man kommt einfach nicht darum herum, sich für die Wichtigere von zwei Tätigkeiten zu entscheiden und die andere auf später zu verschieben.

Das klappt nicht immer. SMS, Mails, Messages und Anrufe zwängen sich via Smartphone in unsere Arbeit hinein und stehlen unsere Aufmerksamkeit. Das gehört zu unserem Erfahrungsalltag. Verschiedene Firmen reagieren darauf auf unterschiedliche Weise.

 

Verbote sind reizend, Massnahmen wirken

Ganz klar, wer an einer Bandsäge arbeitet, lässt besser seine Hände vom Smartphone. Zu schnell ist ein Unglück geschehen. An solchen Arbeitsplätzen erübrigen sich Verbote meist von selber, zu offensichtlich sind die Gefahren. Anders sieht es in Labors, bei der Herstellung von Lebensmitteln oder bei der Betreuung von Kranken und Gebrechlichen aus. Die Versuchung, schnell über das bakterienverseuchte Display zu streichen, ist gross. Ein generelles Verbot sichert zwar die betrieblichen Standards und ist Leitplanke für uneinsichtige oder leichtfertige Mitarbeitende. Aber dennoch weiss man: Verbote sind irgendwie unelegant und vor allem, sie reizen zur Übertretung! Wer auf eine wichtige Nachricht wartet, wird immer einen unbeaufsichtigten Moment finden, um kurz das Handy zu zücken. Verbote alleine genügen nicht. Deshalb heisst es in vielen Betrieben immer öfter: Das Handy bleibt im Spind! Massnahmen begleiten das Verbot und machen sie im besten Fall überflüssig.

 

Wo bleibt denn da der Anstand?

Man kennt die Situation: Gerade im spannendsten Moment – in der Kirche im Kino oder auch nur in einer Arbeitssitzung – klingelt irgendwo ein Handy. „Wo bleibt den da der Anstand?“, fragen sich alle Unschuldigen und drehen sich mit gefurchter Stirn und bösem Blick nach dem Übeltäter. Dieser fummelt mit rotem Kopf und glühenden Ohren in allen Taschen und drückt dann wie wild auf seinem Handy herum. Vergeblich! Es klingelt weiter. Es ist das Gerät seines Nachbarn. Zufällig mit gleichem Klingelton.

Es sind also nicht immer Unanständigkeit und die völlige Missachtung des Handy-Knigges, die ins soziale Offside führen. Blosse Vergesslichkeit genügt durchaus. Auch hier sind Massnahmen, wie das gemeinsame, ritualisierte Abschalten der Geräte vor dem Betreten des Sitzungszimmers, durchaus hilfreich.

 

Hier geht’s zum Schalter!

Was aber, wenn einer mitten in einer Sitzung beginnt, völlig rücksichtlos auf seinem Tablet herumzuhämmern? Man weiss schliesslich – spätestens seit der obigen Lektüre – , dass der Kerl für den Referenten keine Kapazitäten mehr übrig hat. Kein Wort wird er von den wohl vorbereiteten Sätzen noch aufnehmen können.

Und wenn Sie selber dort vorn am Rednerpult stehen, kommt Ihnen unweigerliche die unverblümte Einsicht: Der freche Kerl macht es absichtlich! Es interessiert ihn einen Feuchten, was Sie ihm Wichtiges verklickern wollen. Und er gibt es allen Anwesenden unmissverständlich zu verstehen. Pech für Ihn, wenn er Ihr Lehrling ist. Pech für Sie, wenn er Ihr Boss ist!

So oder so, nehmen Sie es sportlich! Denn auch hier gibt es die geeigneten Massnahmen:

  1. Verbessern Sie den Inhalt Ihres Vortrages!
  2. Feilen Sie solange an Ihrer Rhetorik, bis Sie die ungeteilte Aufmerksamkeit auch der letzten Dumpfbacke haben. Sogar wenn Sie den grössten Mist verzapfen!
  3. Gerät ab-, Hirn einschalten!

Schliesslich bleibt es eine grössere Herausforderung, Leute zu begeistern als ihnen den Gebrauch der Handys zu verbieten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.